Schwere See – Iuventa und die Stegsegler

Iuventa

Ostern ist für die Marlene nicht optimal gelaufen: Eine gebrochene Want in der Ijsselmeer-Welle bei zunehmendem Wind ist kein Vergnügen – aber es kann auch deutlich schlimmer kommen, wie das Wochenende einmal mehr eindrücklich bewiesen hat.

Eigentlich wollten wir am Ostersonntag nur ganz gemütlich mit halbem Wind von Stavoren Richtung Enkhuizen segeln. Aber Neptun war uns nicht allzu wohlgesonnen: Nach ein paar Meilen löst sich die Verschraubung des Wantenspanners und samt angebundener Stakstange fängt die ganze Chose an, wie wild durch die Gegend zu schlagen.

Und wie wir alle in der Segelschule gelernt haben: Wanten haben einen Sinn und ohne sie kommt alsbald der Mast runter. Insbesondere in der Kombination kleines Schiff plus (für uns) große Welle plus viel Wind. Nun gibt die Theorie allerlei gute Ratschläge was der besonnene Skipper in dieser Situation zu tun hat. Unser erster Gedanke war: Druck aus dem Rigg, Segel runter, zurück in den Hafen und hoffen, dass der Prengel oben bleibt.
Um es kurz zu machen: Alles ist gut gelaufen, Crew und Schiff sind okay, keine Schäden an Mensch und Material.

Aber es hätte auch anders laufen können: Jemand hätte von der umherschlagenden Stagstange getroffen und verletzt werden können, Mann-über-Bord beim Bergen der Segel in der steilen Welle oder Totalverlust des Riggs oder sogar des Schiffs durch Mastbruch. Jeder Segler kennt wohl die Situation, mit einem Bein schon fast im Wasser gewesen und dem Seenotfall nur durch Glück oder Fügung (oder wie man es sonst nennen mag) entronnen zu sein. Für die meisten ist bisher alles gut gelaufen – für uns auch – für andere riskieren KNRM oder DGzRS Kopf und Kragen. Alles Gründe genug, um nach einem ruppigen Segeltag kurz dankbar zu sein, heile und unbeschadet wieder in der Box zu liegen.

Szenenwechsel – einige Stunden später: Virtuelles Segeln im Internet.

Als Reaktion auf die dramatischen Szenen im Mittelmeer, bei der das private Rettungsschiff IUVENTA mit mehr als 400 Flüchtlingen an Bord einen Mayday Ruf absetzt, entbrennt eine hässliche Diskussion um die Rettungseinsätze im Mittelmeer (Auszüge der Diskussion – inzwischen offline – sind noch in Rüm Harts Zwischenruf zu lesen). Ein Schreiberling lässt sich gar dazu hinreißen, Flüchtlinge mit „Torpedos beschießen“ zu wollen.

Nun sollte klar sein, dass in einem Breitensport wie Segeln alle gesellschaftlichen Klassen und politischen Farbenspiele vertreten sind. Die entsprechende Gruppe bei Facebook hat mit Stand heute immerhin über 15.200 Mitglieder: Da ist es zwar schade, aber nicht weiter verwunderlich, dass auch geistige Tiefflieger und braunes Gedankengut vertreten sind. Viele der Gruppenmitglieder haben das auch entsprechend kommentiert und die Hassprediger in ihre Grenzen verwiesen. Gut so.

Jenseits der politischen Diskussion wollen mir aber dabei zwei Dinge nicht aus dem Sinn:
Kann man es den Geflüchteten wirklich vorwerfen, dass sie sich aufmachen um Krieg, Hunger und Verfolgung zu entgehen? Würde das nicht jeder machen, der Verantwortung für sich selber und die eigene Familie übernimmt? Streben nicht alle nach besseren Umständen, Wohlergehen, Gesundheit und Sicherheit? Kann man das den Menschen wirklich zum Vorwurf machen? Ich finde nicht. Wie schlimm muss es jemandem gehen, der alles aufgibt und sich auf einem winzigen Boot in Richtung Europa aufmacht?

Der zweite Punkt ist eher seemännischer Natur: Da sind hunderte (!) von Menschen in akuter Lebensgefahr. Männer, Frauen und Kinder mit und ohne Rettungswesen im offenen Meer. In Seenot auf kleinen, untüchtigen Booten oder im Wasser.

Wir retten Menschen, die auf dem Mittelmeer in Seenot geraten. Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person (…). Hier einen Unterschied zu machen wäre ein Verstoß gegen das in den Menschenrechten verankerte Verbot der Diskriminierung (Jugend Rettet e.V.)

Wie können Segler, denen dieses Horrorszenario doch eigentlich zumindest theoretisch vertraut sein müsste allen Ernstes Kritik an den Helfern auf der Iuventa üben? „Selber Schuld“ hört man dann immer wieder. Oder: „Die Helfer ermutigen die Flüchtlinge erst“.
Das ist etwa so widersinnig wie zu behaupten, die schiere Existenz von Seenotrettern mache alle Skipper leichtsinnig und sei ein Sicherheitsrisiko. Wer so argumentiert verwechselt Ursache und Wirkung.

Und ganz davon abgesehen: Wenn es konkret um Menschenleben geht, erübrigt sich jedes Wenn und Aber.
Wer auf See in Not gerät verdient Hilfe. Immer! Und den Helfern gilt Dank und Unterstützung. Immer!

Nachsatz: Wie wir sind viele an diesem Wochenende heile und aus eigener Kraft wieder an Land gegangen – aber nicht alle (LINK). Wir auf der Marlene waren nicht in Seenot und vermutlich auch zu keinem Zeitpunkt in echter Gefahr. Die Menschen im Mittelmeer sind es.

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Fryslân Sailor

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